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Wachholderheiden - Beweidete Halbtrockenrasen


Bei unserer Wanderung im bewaldeten Tal oder auf der Höh taucht sie unverhofft in unser Blickfeld: die Wachholderheide - ein gelblichgrünes Offenland zwischen dem Hangwald mit Wachholderbüschen, ausladenden Einzelbäumen und oftmals malerischen Felsformationen bestanden. Ein Anblick, der vom ersten Moment an gefällt, berührt, an Parklandschaft erinnert und hohe Ästhetik ausstrahlt. Es ist ein Halbtrockenrasen auf kalkreichem Untergrund, entstanden durch jahrhundertelange Beweidung. Von einer Wachholderheide spricht man, wenn auf dem Halbtrockenrasen Wachholderbüsche wachsen und der Lebensraum weiterhin durch Beweidung erhalten wird. Die Heide ist also ein Teil unserer Kulturlandschaft mit hohem Wert für die an diesen Lebensraum angepassten Tier- und Pflanzenarten und zugleich ein Zeugnis der kulturhistorisch bedeutenden Hüteschäferei.

Wacholderheide


Wie der Name schon sagt, ist Trockenheit und Wärme Programm für dieses Grünland. Meist finden wir Wachholderheiden auf mehr oder weniger steilen Hanglagen und fern der Ortskerne. Die Grünlandbewirtschaftung dieser Böden lohnte sich nicht, so blieb die Beweidung viele Jahrhunderte die einzige Nutzung. Und sie soll es auch bleiben, denn ohne die Arbeit der Schäfer/innen und ihren Herden gäbe es sie nicht mehr, sie würden einfach zuwachsen und langfristig zu Wald werden.  In Zusammenhang mit dem europaweitem NATURA 2000 Netz trägt Baden-Württemberg eine hohe Verantwortung für den Erhalt der Wachholderheiden.
In Hinblick auf die hohe Artenvielfalt der beweideten Heiden kommt noch ein wesentlicher Standortfaktor hinzu: die Nährstoffarmut der Böden. Verursacht durch den regelmäßigen Stoffentzug durch die Beweidung. Der Dung der Schafe wurde und wird auf speziellen Flächen abgegeben, sogenannte Pferche. Früher wurden diese Pferchnächte  (oft auf Äckern) sogar im Gasthaus versteigert.
Arme Böden – reiches Leben. Die meisten der bei uns gefährdeten Pflanzenarten kommen auf nährstoffarmen Böden vor.


Alte Weidbuche auf der Heide. Bild: Peter Banzhaf


Die Beweidung des Trockenrasen wirkt für die dort aufwachsenden Kräuter selektiv. Manche werden von Schaf und Ziege gern gefressen, ungenießbare, giftige und stachelige Arten werden regelmäßig verschmäht. Somit erwächst für diese Pflanzen ein Konkurrenzvorteil.
Bitter schmeckende Enzianarten, Kräuter mit einem hohen Gehalt an ätherischen Ölen wie z.B. Gewöhnlicher Dost und Thymian werden genauso wie Pflanzen mit giftigen Inhaltsstoffen (z.B. Gewöhnliche Küchenschelle und die Zypressen-Wolfsmilch) von den Weidetieren gemieden. Rosettenwuchs (z.B. Stängellose Kratzdistel, Kleines Habichtskraut und Gewöhnliches Katzenpfötchen) schützen ebenso vor dem Verbiss der Weidetiere wie die Bewehrung mit Stacheln, Dornen und Nadelblättern. Die trockenliebenden Sträucher der Heide sind allesamt so ausgerüstet. Allen voran der genügsame Wachholder, der mehrere Jahrhunderte alt werden kann und sich gegen Hitze und Verbiss mit spitzen wachsüberzogenen kleinen Nadeln (geringe Verdunstung) schützt.
Die Tierwelt der beweideten Wachholderheiden ist ebenfalls durch Spezialisten geprägt, die  an das
trocken-heiße Klima und die kurze Pflanzendecke angepasst sind. Offene Bodenstellen, nackte Felsköpfe und krümeliger Boden, entstanden durch den Tritt der Weidetiere, wertet den Lebensraum durch Struktur und ein begünstigendes Mikroklima auf. Es sind vor allem Insekten und Spinnen, aber auch Wirbeltier die sich hier tummeln. Beispiele aus der Insektenwelt sind die Rotflügelige Schnarrschrecke, der Heidegrashüpfer, der Feld-Sandlaufkäfer, zahlreiche bodenbewohnende Wildbienenarten, dass Rotbraune Wiesenvögelchen, der Schwarzfleckige Ameisen-Bläuling und der Wolfsmilchschwärmer. Von dem Nahrungsangebot profitieren Wirbeltiere, z.B. Vögel und Reptilien. Charakteristisch sind Zauneidechse, Schlingnatter, Dorngrasmücke, Turmfalke und der Neuntöter.

Wachholderbusch im Raureif

In Zusammenhang mit dem europaweitem NATURA 2000 Netz trägt Baden-Württemberg eine hohe Verantwortung für den Erhalt der Wachholderheiden. Im Landkreis Heidenheim gibt es 1400 ha beweidete Heideflächen mit einer hohen Schäferdichte.
Die UNESCO hat 2020 die Süddeutsche Wanderschäferei als Immaterielles Kulturerbe nominiert. Jahrhundertealtes Kulturgut mit seinen positiven Auswirkungen auf Artenvielfalt und Biotopvernetzung gilt es zu bewahren und zu fördern, die Schäfereibetriebe durch optimiertes Weidemanagement, verbesserte Weide-Infrastruktur und höhere Akzeptanz in der Bevölkerung  zu unterstützen und zu stärken. Brauchtum und Schäferfeste vereinen Landschaftspflege und Heimatpflege.
Der Landschaftserhaltungsverband Heidenheim e.V. unterstützt in Zusammenhang mit der Unteren
Naturschutzbehörde die Schäferbetriebe durch fachkundige Beratung zu den Maßnahmen nach der Landschaftspflegerichtlinie und bereitet die daraus resultierenden Förderverträge vor. Gefördert werden neben der Beweidung selber (Hütehaltung, Koppelhaltung) auch Investitionen wie z.B. Stallbauten und Zäune.  

Wachholderbaum
Das formenreiche immergrüne Nadelgehölz gibt der Wachholderheide seinen Namen. Aus den weiblichen Blüten entwickeln sich Beerenzapfen, die im zweiten Jahr blauschwarz werden. Sie enthalten ätherischen Öle und Gerbstoffe und werden als Gewürz in der Küche verwandt aber auch zur Schnapsherstellung (Gin). Im magischen Brauchtum galt der Wachholder als Hilfe gegen alles Böse wie die Pest und den Teufel. 

Malerische Wachholderbüsche



Wachholder Weibliche Beerenzapfen und Blätter im Detail













 

Zypressenwolfsmilch

Zypressenwolfsmilch

Die Pflanze enthält einen giftigen
Milchsaft der im Volksmund „Teufels-
oder Hexenmilch“ genannt wird.
Der Saft wurde früher zur
Beseitigung von Warzen und
Muttermalen angewand (nicht zu empfehlen). 







Raupe des Wolfsmilchschwärmers

Wolfsmilchschwärmer

Die Nachtfalterraupen ernähren sich
ausschließlich von der Zypressen-Wolfsmilch
und sind gegen den giftigen Milchsaft immun.
Ihre auffällige Färbung soll Angreifern
sagen: friss mich nicht, ich bin giftig“




Frühlingsenzian

Dieser Frühblüher , im Volksmund
auch „Schusternägele“ genannt, erfreut uns
im  Frühling mit seinen wunderschönen
azurblauen Teppichen auf der Heide.


Frühlingsenzian



Deutscher Enzian




Deutscher Enzian

Ist einjährig und kann im Spätsommer/Herbst
auf der Heide bewundert werden. Er galt im
Volksglauben als gewitteranziehend und durfte
nicht gepflückt werden.






Küchenschelle




Küchenschelle

Liebt es extrem kurzrasig. Sie blüht an den
geeigneten Stellen sehr früh. Durch zottige Haare
ist sie vor Kälte und Frost geschützt. Die giftige
Pflanze trägt viele Namen im Volksmund. Darunter
auch „Schafblume“ weil sie auf trockenen
Schafweiden vorkommt.

Kleines Habichtskraut


Kleines Habichtskraut

Im Volksmund auch „Mausöhrle“ genannt nach
der Form und Behaarung der Blätter. Schützt sich
durch eng am
Boden anliegende Rosette vor dem Schafmaul.








Stängellose Kratzdistel
Sie  verbindet Rosettenwuchs und mechanische Abwehr durch stachelige Blätter. Die Schafmäuler verschonen sie, wie auch andere Distelarten.


Stängellose Kratzdistel



Silberdistel

Sie ist „wetterfühlig“ daher im Volksmund auch Wetterdistel genannt. Die weißen Hüllblätter ziehen sich bei feuchter Luft nach innen, bei trockener spreizen sie auseinander und zeigen die ganze Schönheit der Blüte.

Silberdistel


Bienenragwurz

Auf der Wachholderheide kommt auch noch die Verwandschaft: Spinnen-Fliegen- und Hummelragwurz vor. Es sind extrem wärmeliebende Orchideen. Sie werden durch Insektenmännchen bestäubt denen sie durch Duftstoffe und Form ein begattungsbereites Weibchen vortäuschen (Sexual-Täuschblume). Ein volkstümlicher Name ist das „Ragwurzweible“.

Bienenragwurz


Gewöhnliches Katzenpfötchen

Eine Rosettenpflanze der Heide Der Name kommt von der weichen Behaarung des Blütenstandes. Das Katzenpfötchen ist wie der Wachholder zweihäusig. Es gibt männliche und weibliche Pflanzenindividuen. Ähnlich wie bei uns: die Mädels rosa, die Buben mit weißen Blüten.


Gewöhnliches Katzenpfötchen, weibliche Pflanzen


Herbst-Drehwurz

Die am Stiel dieser spät blühenden Orchidee angeordneten Blüten gleichen einer Wendeltreppe. Daher kommt auch ein zweiter geläufiger Name: „Wendelorchis“. Sie ist extrem konkurrenzschwach und kann überwachsenden Gräser nicht standhalten. Intensive Schafbeweidung fördert diese kleinwüchsige Art.

Herbst-Drehwurz



Mückenhändelwurz


Mückenhändelwurz

Eine typische Orchidee der Wachholderheiden auf
kalkreichem Boden, die stattliche Wuchshöhen von
60 cm erreichen kann. Zur Bestäubung der
langgespornten Blüten sind nur langrüsselige
Insekten geeignet. Der begehrte Nektar befindet
sich ganz am Ende des langen Sporns.








Zauneidechse

Sie ist gegenüber der Bergeidechse die Art mit den höheren Wärmeansprüchen. Auf dem warmen Trockenrasen findet sie reiche Beute aus der Insektenwelt. In der Fortpflanzungsphase nimmt das Männchen eine Prachtfärbung an. Seine Flanken sind dann leuchtend grün. 

Zauneidechse, männliches Tier


Dorngrasmücke
Wie den Neuntöter kann man diesen Vogel auf der Wachholderheide nur im Sommerhalbjahr beobachten. Er liebt die offene dornbuschreiche Landschaft. Von einer erhöhten Warte aus singt das Männchen mit rauen, kratzigen Strophen.


Turmfalke
Ein Falke des Kulturlands der sich auf der Wachholderheide wohlfühlt. Wir können ihn ganzjährig bei seinem energieverbrauchenden Jagdflug beobachten. Bei diesem „Rütteln“ steht er wie ein Hubschrauber in der Luft und kann auf dem beweideten Grasland seine Beute erfolgreich erspähen. Er nistet in alten Nestern von anderen Großvögeln.


Turmfalke


Neuntöter
Ein Charaktervogel der Wachholderheide. Liebt dornbuschreiches Halboffenland, dass er zum Brüten und zur Insektenjagd benötigt. Ein typischer Schwabe, der nicht verkommen lässt: ist die Beute zu viel, spitzt er sie auf Dornen – für später. 

Neuntöter, männlicher Vogel


Rotflügelige Schnarrschrecke

Die Männchen fliegen mit ziemlich lautem Schnarrton auf und zeigen ihre roten Hinterflügel. Die Heuschreckenart liebt steile, dürre, felsbestandene Heideflächen.

Rotflügelige Schnarrschrecke


Heidegrashüpfer


Heidegrashüpfer

Eine Charakterart auf dem
kurzrasigen  Trockenrasen.
An seinem markanten
Gesang (auf- und abschwellend)
zu erkennen.



Schwarzfleckiger Ameisenbläuling


Schwarzfleckiger Ameisen-Bläuling

Ein seltener Bläuling mit seltsamer
Larvenentwicklung: die Raupen fressen zunächst am Thymian und werden dann von Knotenameisen in ihr Nest getragen wo sie sich an den Ameisenlarven gütig tun und im Ameisennest bei bester Kost
überwintern. Ein seltsamer Wandel vom Vegetarier zum Fleischfresser.





Berghexe

Der vom Aussterben bedrohte Tagfalter kommt nur noch auf stark beweideten Heiden vor.

Berghexe
Libellen Schmetterlingshaft





Schmetterlingshaft

Sehr wärmeliebender Netzflügler, der steinige Hänge bevorzugt. Bei uns im Landkreis ist er nur noch auf wenigen Heiden zu finden.







Schwalbenschwanz

die Raupe des wunderschönen Tagfalters  frisst an Doldengewächsen, z.B. an der wilden Möhre.

Schwalbenschwanz


Feld-Sandlaufkäfer

ernährt sich von anderen Insekten. Seine Larven leben in einer Höhle im Boden. Er liebt Wärme über alles.

Feld-Sandlaufkäfer



Ameisenlöwe


Fotos: Peter Banzhaf; Günter Herrmann; Vanessa Liebrich-Krismann
Volkstümliche Pflanzennamen zum Teil aus Theo Müller, 2018, „Schwäbische Flora“